Stella Hamberg

Stella Hamberg

Jäger, nicht Sammler. Asiatisch. Alttestamentarisch. Mongolisch. Archaisch. Zahlreich sind die Begriffe, die sich zu einer Perlenschnur aus Geschichte und Mythologie aufreihen lassen. Archetypische Gestalten, durch den Ur-Schlamm der Welt gestampft, wo sie jenen geschlechtslosen Titanen begegnet sein könnten, die Fernand Leger als „Akte im Wald“ 1909 den Ur-Wald der Welt vor der Erschaffung der Welt roden ließ. Ur-Gewalten. Ur-Gestalten. Stella Hamberg hat sie zum Stillstand gebracht und Berserker genannt.

Die Unberührbaren - Sie füllen den Raum, doch der Raum hat für sie keine Bedeutung. Sie stehen da, in der Bewegung eingefroren. Bronzefiguren, alle so um die zwei Meter fünfzig hoch. Ein klug getroffenes Maß, das Abstand hält und Respekt gebietet. Doch diese Männer, die sich an etwas klammern, das sie umschlingt, sind weder Angst machende Ungeheuer aus dem digitalen Wunderhorn des Schreckens noch sind sie ins lächerlich verzerrte Witzfiguren einer blutrünstigen Comicwelt. Sie haben ihre eigene unantastbare Majestät. 

Ein Hauch von Michelangelo. Deutlich herausgearbeitet, die pulsierenden Adern in ihren kräftigen Armen. Zupackende Hände. Kräftige, alles zertretende Füße Die klare Form der frühen Figuren-Gesichtern ist nun von der Anstrengung überlagert, welche die Berserker prägt. Vielleicht darf man sagen, diese Gesichter sind älter geworden. Reifer. Und vieles was an den Berserkern überrascht, hat Stella Hamberg in ihren zurück liegenden Figuren bereits angelegt. Nicht bloß die vage vergleichbaren Gesichter mit ihren Boxernasen. Der Bogen spannt sich von der ganz auf sich konzentrierten Würde der Figuren bis hin zur aufgerauten flirrenden Kleidung, die 2005 bei ABEL an jene Röcke erinnert, mit denen  Edgar Degas seine reizenden Tänzerinnen mehr auszog als denn bekleidete. Und auch etwas den undefinierbaren schlangenähnlichen Gebilden Vergleichbares, mit denen sich die Berserker herumplagen, hat die Künstlerin bereits 2003 BRUNO in die linke Hand gedrückt – einen krumm gewachsenen dünnen Wanderstab. Und MALIK mit dem Goldlamm ziert eine ähnlich nach oben gestylte Mohikaner-Frisur wie den dritte, den jugendlichsten aller Berserker. Der geradezu elegant, fast tänzelnd in der Bewegung verharrt. Hamberg hat ihre Protagonisten von einst zu melancholischen Barbaren brutalisiert. Und diese lassen entfernt an Umberto Bocconis technoid-archaische Skulptur von 1913 denken, an jene goldpolierte Chimäre, die im Sturmschritt der Katastrophe des 1.Weltkrieges entgegen eilt.

Sie haben etwas Tragisches, das sie unberührbar macht. Sie schauen in eine Ferne, die sie selbst sind. Und sie sind verstrickt in einen heroischen Kampf. Unverzichtbare Krieger einer schon immer verlorenen Sache, von der wir nicht wissen können, um welche es sich handelt. Es ist ein ewiger Kampf, raunen einem die Figuren zu – man muss es nur hören (wollen). Bei aller reizvollen Annäherung, die sich der Assoziation und der Interpretation gerne hingibt, bleibt festzuhalten, Stella Hambergs Bronze-Personal ist eine künstlerische Setzung, eine ästhetische Behauptung, vermutlich auch eine Selbstbehauptung. Und das meint im wahrsten Doppel-Sinn des Wortes etwas zu behaupten, das sich behauptet – was ja auch wohl mit der Autonomie von Kunst (und Leben) zu tun hat, von der wir nicht sicher sein können, ob sie nicht auch nur ein Selbstbetrug ist. 

Ihre Kleidung wie ein Panzer aus Fell. Fetzen. Spitzkantig. Das Fell, ein Panzer. Noch in der Bronze ist die Kraft der Handarbeit spürbar, welche die Dinge geformt hat. Und der Fell-Panzer scheint wie aus der Figur geschweißt. Oder aus gefährlich scharfen Scherben zusammengesetzt. Übersät mit Furchen und Schnitten als hätten Yedi-Ritter ihnen diese Wunden mit ihren Laser-Schwertern geschlagen. Die Form bricht auf und aus ihr wachsen Strukturen, die sich die Phantasie zu Gebilde, Gestalten und Dinge zusammenfügt. 

Was umschlingt sie? Oder halten sie es fest. Etwas umfängt sie. Oder lassen sie es nicht los und gibt es ihnen gar Halt. Der kerzengerade stehende bleigraue Berserker I, hält dieses schlangenförmige Etwas, das aus der Erde zu wachsen scheint, wie eine Standarte. Vielleicht als einzige Möglichkeit es zu bändigen? Der Berserker II, ein wilder gedrungener Bursche, mit einem überraschend schlanken Oberkörperbau,  hat sich die Schlange auf seine Schulter geladen als trüge er an einer schweren Last – die sich einer Sichel, immerhin Symbol des Todes, nach unten krümmt, auf der dann auch noch der nackte rechte Fuß des Berserkers steht. Natürlich lässt sich hier an jene Schlange der Hinterlist denken, auf deren Kopf die Jungfrau einst ihren zierlichen Fuß setzte um das Böse zu besiegen, das auch ihre unschuldigen Kraft nicht so ganz aus der Welt verbannen konnte,

Wer über Hambergs Berserker redet, darf über altnordischen Sagengestalten nicht schweigen. Wilde Krieger, die, wenn sie „berserksgangr“, die Berserkerwut also, fortriss, übermenschliche Kräfte bekamen und als unverwundbar galten. Zumeist erschienen sie als Gefolge nordischer Könige; Elitekampftruppen für besonders heikle Aufgaben. Wie im Rausch sollen sie sich in den Kampf gestürzt haben, keine Gefahr scheuend, da sie keinen Sinn  dafür hatten eine solche zu erkennen. Berserkerwut ist Ausnahmezustand – vermutlich erzeugt von Fliegenschwamm oder von dem, was man aus ihm zubereiten konnte. War diese Wut  verbraucht, brachen die eben noch unendlich Zornigen erschöpft unter ihrem eigenen Sturmgewitter zusammen und sollen dann nicht selten gestorben sein. Das sind die historisch-mythischen Daten dieser Kampfmaschinen auf der schmalen Grenze zwischen Licht und Finsternis. Es mag in der Umgebung des Augenblickes der Erschöpfung sein, in der die Künstlerin ihre Berserker bannt.

Berserksganger ist eine nie versiegende Wut, die man zwar disziplinieren und zeitweise bändigen kann, die dennoch eine immer lauernde Gefahr zu sein scheint  – das ist die einfache und dennoch so komplizierte menschliche Erfahrung, die in anderen Kulturen andere Namen hat. Und es ist jene Wut, die  ganz urplötzlich oder sich auch langsam, geradezu unmerklich heranschleicht, die dann – getrieben vom Rausch der Verzweiflung oder dem der Allmachtsphantasien, des Suffs und anderer Drogen – in U-Bahnen, Klassenzimmern, an schönsten Sommertagen explodiert und krankenhausreif und totschlägt. So führen uns Hambergs Berserker, absichtvoll oder absichtslos, aus dem Ur-Schlamm der Welt ins Hier und Jetzt.

Doch womit und wogegen kämpfen oder balgen sich die Berserker der Stella Hamberg. Deren Gespinste erinnern schnell an jene Riesenschlangen, die  Laokoon und dessen Söhne tödlich umstrickten. Mit etwas Phantasie lassen sich die drei Bronzen leicht in die Nähe der Laokoongruppe  der Vatikanischen Museen assoziieren, die den antiken Priester des Apollon im dramatischen Todeskampf zeigt, dessen Nachklang wir uns in die Berserker imaginieren. Doch vermutlich ringen diese gar nicht um Leben und Tod, sondern fechten den heroischsten aller Kämpfe aus – jenen mit sich selbst. Das wäre dann der lebenslange Kampf mit offenem Ausgang, den Menschen und andere Helden zu bestehen haben mit dem inneren Natterngezücht. Volkstümlich verstanden, es geht um die Bändigung des eigenen Schweinehundes. 

Wenn es denn Schlangen wären, mit denen die Berserker ringen, dann passte das gut in die altnordische Lebenswelt. Deren Mythologie kennt die Schlange als ein riesiges Tier, das Verderben bringt und die als Scheibe gedachte Erde belauert. Ob die in der Wirklichkeit der Sagenwelt beheimaten Berserker gegen diese Urtiere, die ständig die Weltordnung bedrohten, zu Felde gezogen sind, wissen wir nicht. Immerhin ließe sich auch ein solcher Kampf in die von Schlangenformen bedrängten Bronze-Berserker hineindeuten. Oder ist das der Moment, in dem sich die sagenhaften Nordmänner in wilde Tiere verwandeln? Ein Talent, das man ihnen lange zugestand.

Die wilden Krieger, die vielleicht Werwölfe waren, wurden wohl nicht zufällig Leute im Wolfsgewand genannt – und ein solches hat Ihnen Stella Hamberg als Fell-Panzer angelegt, nein, aufgezwungen. Sie betreibt  Extrembildhauerei, was im konkreten Fall heißt, berserkerhaftes Tun in Ton und Bronze. Sie habe, betont Hamberg, „ihre Berserker in Ton gedroschen und in die Bronze fallen lassen.“ (Natürlich ist letzteres metaphorisch gemeint.)  Und genau so stehen sie dann im Raum, ohne den Raum zu benötigen. Sie sind, so die Künstlerin, „das Bloße und die Tat. Bewegung und Widerstand. Material und Wille. Anarchie und Alchemie.“ Und es sind, wie immer man sie deuten mag, wundersame, eigenwillige Gestalten, deren expressive Wucht etwas Impressionistisches hat. Das mag viel bis entscheidend zur Faszination der Berserker beitragen, dieses Vorübergehende, Flüchtige,  ja, trotz allem Brachialen, ihre fühlbare Zerbrechlichkeit, die das gefährlichste und schönste Mitleid erregt, das es gibt - das Selbstmitleid.

Stella Hamberg: 1975 geboren, 1998 Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. 2004 Diplom, 2004 Meisterschülerin unter Prof. Martin Honert. 2006 Meisterschülerabschluss. Stelle Hamberg lebt und arbeitet in Berlin.

 

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Ein Beitrag für ReiseTravel von Rudij Bergmann.

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

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