New York

Eine Deutsche Luther-Bibel von 1872 aus dem New Yorker Müll!

Eine Bibel als Ahnenpass, quasi auch Reisedokument – denn die da verewigt sind handschriftlich erwähnt: Die waren auf eine abenteuerliche Reise gegangen, über den Großen Teich, in eine ungewisse Zukunft, ins Irgendwo, wo sie auf Fremde treffen würden, Unbekannte und Unbekanntes, auch Eingeborene. Eben auf absolutes Neuland.

Memoires: Es war irgendwann zwischen 1968 und 1974, während unserer Berufsjahre eben in dieser Neuen Welt, als unser New Yorker Garagenaufseher uns ansprach: „Ich habe da im Müll des Hauses ein dickes, altes Buch gefunden, ich glaube in deutscher Sprache. Eine Bibel. Wollen Sie das haben?“.

Und ob wir wollten! Ledereinband, nur leicht beschädigt. Fast fünf Kilogramm schwer, über 850 Seiten, reich bebildert. Auf dem goldziselierten Einband als Titel „Die Heilige Bibel“. Ausführlicher die erste Druckseite: „Die illustrierte Familien=Bibel für häusliche Erbauung und Belehrung. Enthaltend das Alte und Neue Testament mit den Apokryphen, der Concordanz und Randparallelen. Nach Dr. Martin Luther`s Übersetzung“. Und dann: „Herausgegeben von Wm. Fint&Co, No. 26 Süd Siebente Straße, Philadelphia, Pa. 1872“.

1872 – und das im New Yorker Müll! In einem Neubau in Fort Lee, einer Art Wohnvorstadt Manhattans, in dem wir wohnten.

Sehr personifiziert sind dann viele interessante privat-familiäre Seiten in Handschrift – etwa unter “Marriages“: „Jonas De Lang und Mary C. Rester begaben sich in den heiligen Ehestand den 23ten Tag November im Jahr 1876 durch Herrn Isaac Roeller.

Jonas De Lang, ein Sohn von Jesse De Lang und dessen Ehefrau Sally Aun, eine geborne Friedrich, ist geboren den 3ten September 1854, und getauft von Herrn Alfred Hermann. Taufzeugen waren: Harry Kercher und Carolina Friedrich.

Mary C., eine Tochter von Moses Rester und dessen Ehefrau Maria Louisa, eine geborene Genser, ist geboren den 1ten May 1860, und getauft von Herrn Isaac Roeller. Taufzeugen waren Frau Wittwe Hannah Bieber“.

Es folgen zwei Seiten weitere handschriftliche Eintragungen, teilweise in roter Tinte. Unter „Births“ heißt es da: „Mary Ellen De Lang ist geboren den 5ten September 1877 und getauft von Herrn F. K. Huntzinger. Taufzeugen waren Moses Rester und seine Ehefrau Maria Maria Louisa, die Groß-Eltern.

Morris Edvin ist geboren ist geboren d. 28th September 1879, getauft den 16 November 1879 v. B. G. Schmoll. Taufz: die Eltern.

Charles Wilson geboren den 7ten January 1881, getauft den 22 May 1881. B. Weigg. Taufz die Eltern selbst“.

Etwas neuzeitlicher sind die Eintragungen unter „Deaths“: „Herr Jonas De Long. Gestorben 15ten April 1901. Begraben 21. April 1901. Ehefrau Mary. C. De Long. Gestorben 7ten July 1925. Begraben 11. July 1925“. (Richtig wiedergegeben: Einmal wird der Name DeLang mit a ein andermal mit o geschrieben. Richtig dürfte DeLong sein, denn im „Ancestry“-Internet kommt Mary DeLong, born 1903,1940 Census, vor. Richtig ist auch das doppelte „ist geboren ist geboren“).

Es gibt – leider – keinerlei Hinweis auf die Herkunft der genannten Personen. Der Name „de Long“ könnte auf das rheinische Gebiet zwischen Deutschland und den Niederlanden hin deuten. Von dort und mehr noch aus der Pfalz kamen seit dem 17. Jahrhundert die meisten Einwanderer, die sich in und um Philadelphia – Sitz des Verlages und Druckort besagter Bibel – niederließen.

Martin Luther und die Bibel: Luthers „Arbeitsplatz“ in der Burgvogtei der Wartburg. Durch römisch-katholische Intoleranz "vogelfrei" und kurfürstliche Scheingefangennahme "untergetaucht". Hier konnte er die Bibel übersetzen. Lutherstube:

Erinnerungsort ist die Wartburg Eisenach: "Wer die Schrift lernen will, der soll sie verstehen. Denn du liest nicht eines Menschen, sondern Gottes, des Allerhöchsten Wort".

In New York waren es zumeist Protestanten, etwa Mennoniten, Amische oder Herrnhuter Brüdergemeine. Der Quäker William Penn (1644 – 1718) hatte an der Ostküste Amerikas im Gebiet des heutigen Bundesstaates Pennsylvania eigene Kolonien gegründet und warb dafür in Europa vor allem deutschsprachige Auswanderer an. Allein nach Philadelphia kamen zwischen 1727 und 1775 rund 65.000 Deutsche. 1683 gründeten Mennoniten aus dem Raum Krefeld den Ort Germantown, der heute ein Stadtteil von Philadelphia ist. Während der amerikanischen Revolution desertierten zudem Tausende hessische Söldner, die auf Seiten der Engländer gekämpft hatten, und siedelten in der Gegend, die sich „Pennsylvania Dutch Country“ nannte. 1790 waren 40 Prozent der gesamten Bevölkerung hier deutschstämmig, in vielen Siedlungen und Städtchen traf das sogar auf 80 Prozent zu. Noch heute sprechen in diesem Teil Pennsylvanias bis zu – geschätzten – 400.000 Menschen einen deutschen Dialekt.

Zurück zu der unglaublichen Luther-Bibel von 1872 aus dem New Yorker Müll: Sie ist zugleich Schulbuch und Lehrbuch für Integration. Ihr für diese Zeit geradezu revolutionärer Inhalt geht schon aus dem Titelblatt hervor: „Thiere, Bäume, Pflanzen, Blumen und Früchte der Bibel; morgenländische Sitten und Gebräuche; der jüdische Gottesdienst; Länder und Völker der Bibel; das Heilige Land; die Stadt Jerusalem und ihre Umgebung; jüdische Gewichte, Maaße u.s.w.“.

Dieser Art Aufklärung sind die ersten reich bebilderten 161 Seiten der Fünf-Kilo-Bibel gewidmet. Da gibt es Zeichnungen wie „Jerusalem zur Zeit unseres Heilandes“ oder den „Garten Gethsemane“ oder „Aceldama Blutacker“. „Brandopferaltar“ und „Räuchergefäße“ des jüdischen Gottesdienstes werden in größtem Detail dargestellt. Ebenso die Münzen dieser Zeit. Oder „Alterthühmliche Schuhe“. „Morgenländische Dorfweiber“. Geradezu trivial wird es bei Darstellungen wie „Orientalisches Bett“ und „Schlafgemach und Divans“.

Eine ganze Seite nimmt die „Vorrede der Herausgeber“ ein.

Da heißt es: „Die Herausgeber haben weder Kosten noch Mühen gescheut, um dieses Werk in jedem Sinne des Wortes zu einer Familienbibel zu machen. Sie sind überzeugt, dass dem deutschen Publikum in diesem Lande noch nie eine Ausgabe der Heiligen Schrift geboten wurde, die sich an prachtvoller Ausstattung, Correktheit, Mannichfaltigkeit der Zugaben und billigem Preise mit der vorliegenden vergleichen kann. Möge denn dieses Bibelwerk hinausziehen und an recht vielen Familienheerden heimisch werden ...“.

Für dieses Exemplar aus New Yorks Müll ist das wohl wahr geworden.

Ein Beitrag für ReiseTravel von Wolfgang Will.

Unser Autor arbeitet als Journalist für Wissenschaft und Technik, war viele Jahre als Luft- und Raumfahrtkorrespondent in den USA tätig und ist Mitglied im Luftfahrt Presse Club.

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