Gabriele Messerschmidt

Kopien des Göttlichen - Gabriele Messerschmidt

Über dem Eingang zum Delphischen Orakel war die Aufforderung an die Griechen zu lesen »erkenne dich selbst«. Dies könnte auch der Grundgedanke sein, der die Figuren von Gabriele Messerschmidt zur Form geführt hat. Wir finden keine Porträts, nicht die Wiedergabe realer Personen mit ihren eigenen Merkmalen und damit auch nicht den sichtbaren Menschen neben uns. Vielmehr treten uns Gedanken, Empfindungen und nach außen gekehrte Teilstücke einer Seele in ihrer Größe, Stärke und Verletzlichkeit entgegen. Jede einzelne der Plastiken ist eine Aussage für sich, eine ganzheitliche Botschaft, jeweils eigenständig in Form, Ausdruckskraft und oft auch in mystischer Symbolik. Es fehlt das Tatsächliche, das ohne weiteres Erkennbare und Vordergründige. Wir sehen sie nicht, die Figuren. Sie begegnen uns nicht im Alltag, aber jeder von uns kann sie wahrnehmen, wenn er sich in die Tiefe des eigenen Selbst begibt und die Wahrheit ehrlich auch dort sucht, wo sie schmerzlich werden kann.

Bilder der Seele - Gabriele Messerschmidt  

Mit ihrer Kunst vermittelt uns Frau Messerschmidt viele Facetten autobiografischer Art. So darf es auch der vermuten, der sie selbst persönlich nicht kennt und unter der Namensgebung der Skulp­turen nicht die gewollte Wegweisung versteht. Jede von ihnen zieht den Blick auf sich, vor allem auf die Augen in ihrer Tiefe, oft seherischen Weite und Verlassenheit. Nach innen gerichtet spiegeln sie sich trotzdem in einem Gegenüber, z.B. in der gläsernen Trennung »das missverständnis«. Faszi­nierend sind die Symbole, die die Mensch gewordenen Aussagen unterstreichen und ihnen eine Aus­druckskraft verleihen, die für uns ungewöhnlich ist - oft entlehnt aus kulturellen Vorbildern anderer Zeiten. »die botschafterin« könnte auch die würdevolle Überbringerin einer Nachricht von Tutenchamun sein. Ist nicht »die amazone« auch eher eine ägyptische Königin oder Göttin als eine streitbare Kriegerin? Die Herrschaftskraft dieser Amazone erschließt sich im Eigentlichen erst in der miniaturisierten Männergestalt zu Füßen ihrer verpanzerten Brüste.

Eine ganz besonders eigenartige Form der Darstellung ist die Gegensätzlichkeit. So nimmt »salome« die Maske ab, zeigt ihr wahres Gesicht und überhöht sich mit der Maske selbst. Sie ist bekleidet und dennoch unbekleidet, dadurch geschützt und verletzlich nackt zugleich. Oder »die nebenbuhlerin«: Wir sehen sie in Scham errötet ob ihrer dem Betrachter zugewandten Blöße. Oder ist es gar das letzte Zitat der erlebten Lustbarkeit? Es bleibt trotzdem in dieser Schamlosigkeit etwas Zartes und in der Stigmatisierung des Herzens das Verbotene offenbart.

Es gibt keine Figur im ausgestellten Werk der Künstlerin, die einem Schema folgen würde oder einer serienhaften Darstellungsform unterworfen wäre. Jede lebt aus sich, aus ihrer Individualität und Besonderheit. Jede beeindruckt und macht nachdenklich. Kaum eine verleitet zur Heiterkeit. Es drängt sich der Eindruck auf, als sei die Künstlerin eine sehende Seherin. Ihre Hände formen Gedanken, die ihre Inhalte aus der Seele schöpfen. Aber es gibt auch Wärme, Wärme der Zuneigung und vielleicht sogar Wärme der Trauer und Einsamkeit.

In »der stille schrei« versammelt sich der Körper in sich selbst. »die umarmung« lässt Nähe zu von Mann und Frau in ihrer Nacktheit und Natürlichkeit. Die Empfindungswelt beider Menschen wird in der Harmonie der aufeinander zugerundeten Körper verstärkt durch die sonnen­warme Farbe. Etwas archaisch Natürliches entsteht in dem Miteinander von Sonne und Erde in Gold und Braun und lässt den Schöpfungsakt erahnen, der menschliche Existenz ermöglicht hat und sich in den liebenden Menschen zu wiederholen scheint.

Woher kommt die Form, woher kommt die Verbindung zwischen ihr und der Empfindung der Künstlerin? Nur Mystiker konnten ihr Geistesleben aus Verinnerlichung und Versenkung speisen. Die Künstlerin scheint dagegen viele Gesichter zu Geschichten in ihrem Leben gemacht zu haben. Ihre Figuren sind einfach und doch ausdrucksstark. Sie sind handhabbar für denjenigen, der sich zur Betroffenheit bereit erklärt. Sie sind überraschend und doch nicht unbekannt. Wir können sie spielerisch in uns aufnehmen und ertasten wie Kinder über Puppen die Realität des Lebens.

Ist es ein Puppenspiel für Erwachsene? Würden wir uns zutrauen, mit diesen Figuren zu leben, die uns zeigen und mahnen, die unsere Nachdenklichkeit förmlich erzwingen? Ja, wir sollten mit ihnen leben können, es zumindest versuchen. Der sichtbar gewordene Widerspruch zwischen den Zitaten aus dem menschlichen Habitus und der Verletzlichkeit der Seele offenbart die Widersprüchlichkeit, in der die Gesellschaft heute lebt, die sie aber oft nicht mehr wahrnimmt. Selbst das Spirituelle, die Sehnsucht nach dem nicht mehr Fassbaren, ist nicht unbedingt Ausdruck tiefer Gläubigkeit, sondern eher als Droge und Weg aus der Gegenwart heraus in Anspruch genommen. Wir lassen die Ver­letzlichkeit nicht mehr zu, wir offenbaren sie jedenfalls nicht ehrlich - anders, als dies bei den Skulpturen von Gabriele Messerschmidt zum Ausdruck kommt.

Das biblische Gebot Gottes sagt »Du sollst dir kein Bild machen«. Gemeint ist damit: kein Bild von Ihm. Das Verbot gilt nicht dem Selbstbildnis, dem Mut, sich zu offenbaren. Gabriele Messerschmidt macht Innerlichkeit erkennbar. Ihre Kunst wird zum Beispiel. Sie zeigt und mahnt und, so scheint es, erlöst sich auch selbst. Sie gibt von sich, um loszulassen. Insoweit tragen ihre Figuren auch den Charakter eines Gebets zur Erlösung.

 

Atelier Gabriele Messerschmidt -Wölkau Nr. 9, D-06231 Kreypau,  www.gabriele-messerschmidt.de

 

Ein Beitrag für ReiseTravel von Hans Georg Crone-Erdmann

 

 

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