Berlin

Noch hat Berlin keine echte Teekultur. Dennoch erfreut sich das Ritual des Teetrinkens mittlerweile an manchen Orten in der Hauptstadt: Im Berliner Ritz Carlton wird der traditionellen Afternoon Tee zelebriert.

Tea Time: „Puttin’ on the Ritz“ heißt der bekannte Song von Irving Berlin, der erstmals im gleichnamigen Musikfilm von 1930 erschien. Die Melodie vom alten Grammophon passt in das mondäne Ritz-Hotel, von dem sich auch der Titel ableitet und so viel bedeutet wie „sich chic machen für das Haus“.

In der Lounge werden passend zu jeder Jahreszeit Tees von Mariage Frères serviert. Ab 15.00 Uhr ist Teamtime im Ritz. Antonella Mürau weiht die Gäste in die Welt des Tees ein und offeriert zahlreiche kostbare Teesorten, zunächst kleine lose Blattproben zum Betrachten und Riechen. Bekannt und beliebt sind die variationsreichen Früchtetee oder auch der Oolong aus Taiwan, floral und lieblich.

Die Bezeichnung Oolong bedeutet „Schwarzer Drache“. Einer Legende zufolge soll der Inhaber einer Teepflanzung beim Trocknen der Teeblätter von einem schwarzen Drachen verjagt worden sein. Als er sich vorsichtig einige Tage später zurücktraute, waren die Blätter in der Sonne oxidiert und ergaben ein herrliches Getränk. Oolong-Tee kann mehrmals aufgegossen werden.

Die einzelnen Aufgüsse werden nacheinander bezeichnet erstens: als Tee des guten Geruchs; zweitens: Tee des guten Geschmacks und drittens: Tee der langen Freundschaft. 

Tea Time by ReiseTravel.eu                                                   

Mit professioneller Ausstrahlung berät die gerade mal 23-Jährige auch die aromatisierten Teesorten aus China, beispielsweise Grüntee mit Jasminblüten oder Mandarin, würzig-duftig, herb; Casablanca eine feine Mischung von grünem und schwarzem Tee mit marokkanischer Minze und Bergamotte; der zarte Grüntee Yuzu Temple mit Zitrone, der Swan Lake mit Wildrose oder Sahara Tee aus dem Orient mit ausgelesenen Rosenblüten. Auch den weißen Tee Pai Mu Tan mit dem klassisch blumigen Geschmack empfiehlt sie gern. Er ist eine Rarität aus der Provinz Yunnan mit Trieben von wild wachsenden Teebäumen.

Teeliebhaber bevorzugen den japanischen, beschatteten Sencha mit dem frischen, grasigen, maritimen Geschmack, den Gen Maicha, der wärmende Klassiker mit besonders edlen, süßen gerösteten Reissorten. Und auch Kenner der höchsten Grünteequalität kommen auf ihre Kosten beim erdigen, besonders grasigen Gyokuro aus Japan, auch „edler Tautropfen“ genannt. Er wird für etwa drei Wochen im Vollschatten aufgezogen, wodurch die Bitterstoffe stark reduziert werden. Sein Geschmack ist aromatisch, süß und mild. In Japan verwendet man diesen Tee gern, um Gästen eine besondere Ehre zu erweisen. Die Pflanzen werden mit Netzen bzw. Bambus-, Schilf- oder Reisstrohmatten abgedeckt, sobald sie Ende April anfangen aufzugehen. So bilden sich weniger Gerb- und Bitterstoffe als etwa beim Sencha, und die Blätter haben einen sehr hohen Chlorophyll Gehalt, was zum Geschmack des Tees maßgeblich beiträgt. Nur die zartesten und weichsten Blätter werden für den Gyokuro verwendet.

Je nach Wahl serviert Antonella Mürau den Tee in Schälchen aus Glas. Die Kyusu, die Einhandkännchen, sind aus natürlichem Ton und zentraler Gegenstand der Teezeremonie. Auf Wunsch werden die köstlichen Tees auch im klassisch edlen Rosenthal Teegeschirr mit dem Walter Gropius Design serviert.

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Antonella stammt aus Neukölln. Vier Jahre hat sie im Hotel Ritz den Beruf der Hotelfachfrau gelernt und BWL studiert. Das Haus hat schon früh Eindruck auf sie gemacht. „Ich war neun, als das Ritz Carlton in Berlin eröffnete. Es war für mich wie eine Märchenwelt. Ein Zauber, der mich verzauberte. Allein die Atmosphäre begeisterte mich, die Kronleuchter oder die großzügige, reich verzierte Freitreppe aus Marmor und dem schmiedeeisernen Geländer, aber auch die besondere Höflichkeit und Aufmerksamkeit, die hübschen Blümchen auf den Tischen.“ Von Beginn an gab es die Zeremonie des Afternoon Tee. Der wollte sie unbedingt beiwohnen. „Damals wünschte ich mir, meinen 10. Geburtstag hier feiern zu dürfen. Mein Vater fand es hier zu snobby, das sei mehr etwas für feine Leute.“ Trotzdem wurde der Afternoon Tee im Ritz ein kleiner Luxus, den sich die Familie einmal im Jahr gönnte. Seither ging sie an jedem Nikolaustag zum Afternoon Tee ins Ritz.

Eine leere Teeschale ist wie eine traurige Teeschale, sagt Sarah Harleux mit französischem Akzent. Die aus Grenoble stammende Teesommeliére schaut nach dem Rechten und füllt achtsam die leeren Teeschalen auf. Sarah Harleux ist 36 und studierte ursprünglich Grafik Design. Sie liebte Menschen mehr als Computer, stellte sie bald fest, lebte in Asien, England und Australien. Verschiedene berufliche Stationen führten sie schließlich in die Welt des Tees. Drei Jahre studierte sie die Geschichte und Philosophie des „Teeweges“, beschäftigte sich mit Teesorten, der Teeherstellung, mit den Anbaugebieten. „Für mich ist der Tee ein Willkommensgeschenk für jeden Gast“. Seit einem Jahr ist sie im Ritz. Gern berät sie die Gäste bei der Auswahl passender Teesorten.

Die meisten Menschen wüssten gar nicht, aus welcher Region der jeweilige Tee stamme, wie er geerntet und behandelt werde. „Es gibt einen Tee für jede Stimmung. So sorgt beispielsweise schwarzer Tee für ein warmes, wohlbehagliches Gefühl. Muss ich studieren, den Geist fokussieren, ist der Olong gut geeignet. Kräutertee, zum Beispiel mit Lavendel beruhigt. Und im Sommer bevorzugt man den japanischen Grüntee oder Matcha.“

Die deutschen Gäste seien im Allgemeinen zwar keine Kenner, aber sehr interessiert und neugierig. Für viele Deutsche bedeute Tee gleich Kräutertee. „Sie sind überrascht von der großen Bandbreite in der Auswahl, erzählt Sarah Harleux. „Und hier im Ritz möchte ich den noch weitestgehend unbekannten Teeweg, mit ihr seiner erhabenen Schönheit und der philosophischen Tiefe weiter tragen“.

Dennoch bleibt der Grundgedanke der klassisch englische Afternoon Tea mit leichter Abwandlung. So wird auch hier das Ritual begleitet von die Schnittchen und Scones. Eine reich belegte Etagere krönt die Tea Time mit raffinierten Kleinigkeiten, je nach Geschmack Süsses oder Kräftigeres. Beispielsweise einen kleinen Salat aus feingeraspelten Spitzkohl, Kohlrabi, Rote Beete und Rettich. Sandwiches mit Roastbeef, Walnüssen, Brie Käse und Cranberries sowie Lachs mit hausgemachter Mayonnaise. Für den süßen Gaumen locken Brownies mit Nüssen, Muffins mit Schokolade und Feigen. Beliebt ist das Millionaires Shortbread: Auf eine weiche Karamellschicht folgen eine Schokoladen-Ganache sowie eine Kugel vom angegarten Apfel und Apfelchips. Alles ist übrigens auch ohne Allergene zu haben. Laktose- und glutenfrei oder ohne andere Allergie-Auslöser.

Das Ambiente in der Tee Lounge verkörpert wie das gesamte Hotel, unaufdringlich den goldenen Glanz Berlins der Zwanzigerjahre. Marmorsäulen und goldverziertes Holzdekor. Ganz im Stile des Art déco“. Ein Hauch von Eleganz und Glamour. Einladend, großzügig, opulent. Und doch ein Durchgangsort, kein idealer Platz für Stille und Rückzug, was dem Gesamterlebnis aber keinen Abbruch tut.

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Punkt 18.00 Uhr geht die riesige, goldene Sonne an der geschlossenen Wandfront unter und wird abgelöst von einem aufgehenden silbernen Mond. Das Ritual leitet den Abschluss des Teezeremoniells ein.

Antonella setzt sich eine schwarze Melone auf den Kopf, öffnet eine Flasche Champagner und gießt über eine gläserne Pyramide für jeden Gast ein Glas zum Abschied ein. Routiniert legt sie auf einem Grammophon der 20-er Jahre den alten Titel auf: „Puttin’ on the Ritz“. Textlich fordert das Lied den gegebenenfalls traurigen Zuhörer auf, dorthin zu gehen, wo man sich modisch schick gekleidet zeigt. „Und sich fürs Ritz ein wenig in Schale geworfen“ haben sicher alle Gäste, ob in Berlin, London, Paris oder New York.

Ritz Carlton Berlin. Tea Lounge. Feine Teesorten, Scones und Sandwiches im Ritz-Carlton-Salon. Potsdamer Platz 3, D-10785 Berlin.

Ein Beitrag mit Foto für ReiseTravel von Christel Sperlich

Christel Sperlich by ReiseTravel.euFernsehjournalistin Christel Sperlich entdeckt gern die ungewöhnlichen Geschichten hinter dem Abenteuer Reisen.

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