Weimar

Ein wahres Hotel-Kleinod: Das Hotel besteht aus drei antiken, zusammenhängenden Gebäuden, dessen Haupthaus mit einem großen Torbogen 1792 errichtet worden ist!

Goethe & Co.: Es müssen nicht immer fünf oder sogar mehr Sterne sein, um sich in einem Hotel geborgen, wohl, ja heimisch zu fühlen. Drei Sterne können das auch tun – und sogar übertreffen. Das etwa ist im Hotel „Anna Amalia“ in Weimar der Fall. Was allein der Name aus der Goethezeit verspricht – er hält es. Schließlich war diese aus dem braunschweigischen Wolfenbüttel stammende Prinzessin (1739 bis 1807) nicht nur treu sorgende Ehefrau des Weimarer Großherzogs Carl August und lobenswerte Mutter ihrer Söhne, sondern auch (vielleicht sogar intime) Freundin des deutschen Dichterfürsten, der sie einmal mit den Worten lobte „Bei dir fühlt man sich wie zuhause“. Sie war übrigens die Nichte Friedrichs des Großen.

Außergewöhnlich also wie diese Frau, die nach dem Ableben ihres Mannes die Großherzogschaft von Sachsen-Weimar-Eisenach übernahm und sich der Natur, den Künsten und der Wissenschaft widmete, ist dieses kleine, aber schmucke und trotzdem überaus moderne, anheimelnde Hotel in Weimars Geleitstraße. Man mag es kaum glauben, was privater Wille und Architektur zu vollbringen in der Lage sind: Das Hotel besteht aus drei antiken, zusammenhängenden Gebäuden, dessen Haupthaus mit einem großen Torbogen 1792 errichtet worden ist. Dieser Bau mit dem Namen „Chemnitius“ beherbergte 1912 die Dichter Franz Kafka und Max Brod, auch Peter Cornelius wohnte schon hier, der Komponist („Barbier von Bagdad“) und Freund sowie Übersetzer von Franz Liszt. Kein Zweifel demnach: Das Haus also hat schon Herbergen-Tradition. 

Dieses dreigeteilte antike Juwel hat die Familie Günter Freind sozusagen „vereint“, auch durch kleine Treppchen miteinander verbunden und 53 Zimmer geschaffen, die an Moderne – auch etwa die Bäder – nicht zu übertreffen sind. Schlicht-dezentes, wärmeausstahlendes Mobiliar, angenehme, nicht nur funzelnde – wie vielfach ja üblich – Beleuchtung, Fahrstuhl bis in den obersten Stock und in die Tiefgarage (ein Muss in einer fußgängerdominierten Kleinstadt), WLAN, alles Nichtrauchern vorbehalten. Hotel garni, also nur Frühstück, aber das thüringisch-delikat. Dazu am Rande des Frühstücksraums eine gemütliche Bar, die absackerversessenen Gästen bis ein Uhr zur Verfügung steht – und die wohl bestückt ist. Für Tagungen und Besprechungen steht ein größerer Raum für bis zu 30 Personen parat, mit modernster Technik, Beamer und Leinwand sowie Flipchart.

Es gibt die traditionellen Einzel- und Doppelzimmer, dazu ein Appartement, Junior und Superior-Suite mit Blick über die Dächer von Weimar.

„Angesiedelt“ das Ganze in Weimars Altstadt, Geleitstraße 8-12. (Hotel-Tel.: 03643 49560).

Geleitstraße: Das war einst die städtische Nord-Süd-Verbindung, über die Waren und Menschen „geleitet“ wurden. Quasi in Ur-Maut-Zeiten.

In der Umgebung, wie im gesamten Stadtgebiet – Kneipe neben Kneipe. Café neben Café. Nächstgelegen, im Hotel-Gebäudekomplex, das Weinlokal „joHanns“. Das soll einst ein Pferdestall gewesen sein, dann bis in die neuere Vergangenheit eine Setzerei und Druckerei. Reine Familienwirtschaft: Vater Hotelier, Sohn Weinkneipier, der übrigens da auch eigenhändig das Servicepersonal unterstützt.

Das Weimar Goethes wird ja schon wenig schmeichelhaft auch als schlafmützig beschrieben – daran hat sich kaum etwas geändert. Morgens gegen neun scheint noch alles im Ruhezustand zu sein, kaum ein Geschäft öffnet vor zehn Uhr. Es gibt in den Schaufenstern noch zu viel Rest-DDR, als da Hinräumer am Werk waren statt Dekorateure. Schandflecke im historischen Stadtbild zudem: Das wunderbar-gotische Rathaus am sehenswerten Marktplatz steht leer, scheint trotz pompöser Beflaggung innen zu verfallen, der Oberbürgermeister residiert in irgendeiner Ausweichkemenate. In der Schillerstraße – eine der Hauptschlagadern – ist ein riesiger Eckblock seit Jahren mit schmutziger Plastikplane verhüllt, von hinten erinnert der Bau an ein zerbombtes Etwas, ein entschuldigendes Schild davor: „Das gehört nicht der Stadt, ist Privateigentum“. Schadet aber dem Ansehen.

Das wiederum ist trotz allem weltweit gigantisch. Kulturhauptstadt Europas 1999. Mit geradezu endlosen Sehenswürdigkeiten: Bauhaus-Museum (Bauhaus hier 1919 gegründet, 1925 von Konservativen vergrault ins aufgeschlossenere Dessau umgesiedelt), Fürstengruft (auch letzte Ruhestätte Goethes), dessen schmuckes Gartenhaus im grandios angelegten Ilmpark, das Goethe-Nationalmuseum, ein Prachtbau, der auch Wohnhaus des Genies war, die einmalige (auch innenarchitektonisch) Anna Amalia Bibliothek, Stadtschloss, Liszt-Haus und Nietzsche-Archiv, Schiller-Haus, Nationaltheater.

Sehenswürdigkeiten ohne Ende und fußläufig erreichbar. Überhaupt nicht museal, und deshalb herauszuheben, das Weimar-Haus in der Schillerstraße 16. Hier wird Geschichte sehr lebendig vermittelt: Wie entstand Weimar, wer waren die frühen Thüringer, Thüringen als Königreich, im Mittelalter (Tel.: 03643 901890. Etwas weiter entfernt die Schlösser Belvedere und Tiefurt. Für Besichtigungen sind Anmeldungen/Termine unerlässlich, hilfsbereit dabei: Tourist Information Weimar, Markt 10, Tel.: 03643 7450.    

Das „moderne“ Weimar: Es wird 1741 Hauptstadt des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach. Großherzog Carl August lädt 1775 Goethe nach Weimar ein. Der wird schon ein Jahr später weimarischer Staatsbeamter. Schiller, Herder, Wieland, Philosophen und Dichter, entscheiden sich für Weimar. 1798 wird das umgebaute Hoftheater mit der Uraufführung von Schillers „Wallensteins Lager“ eröffnet. 1808 begegnen sich Napoleon und Goethe erstmals, 1813 erneut – da ist Napoleon auf der Flucht in Weimar. Ein Jahr später wird aus dem Herzogtum das Großherzogtum und Goethe Staatsminister. 1832 stirbt Goethe. 1857 wird das Goethe-Schiller-Denkmal auf dem Theaterplatz eröffnet. Errichtung der Kunstschule Weimar 1860 – Vorläuferin des 1919 von Walter Gropius gegründeten Bauhaus.

Zwischen Februar und August 1919 tagt die Nationalversammlung in Weimar, Reichspräsident Ebert wird hier gewählt, die Weimarer Verfassung wird verabschiedet. 1920 wird Weimar Landeshauptstadt des neu gegründeten Landes Thüringen. 1937 errichten die Nazis das Schreckens-KZ Buchenwald auf Weimars Ettersberg. 1945: Im April besetzen die Amerikaner Weimar, übergeben die Stadt letztlich an die Sowjets. 1989 zeichnet sich durch Demonstrationen auch in Weimar schon die Wiedervereinigung Deutschlands ab.

Ein Beitrag für ReiseTravel von Wolfgang Will.

Unser Autor arbeitet als Journalist für Wissenschaft und Technik, war viele Jahre als Luft- und Raumfahrtkorrespondent in den USA tätig und ist Mitglied im Luftfahrt Presse Club.

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