Salzwedel

Elektronik für die Königin der Instrumente

Manfred Hoffrichter bringt Hochtechnologie in Kirchenräume: Klangfülle der Salzwedler Orgeln in Frankreich und Japan gefragt. Samuel Kummer, der 1. Organist der wiederaufgebauten Frauenkirche zu Dresden, spielt regelmäßig an einer elektronischen Kirchenorgel. Für seine "Trainingsstunden" greift er auf moderne Technik zurück. Das Innenleben des modernen Instruments setzt auf Bits und Bytes, Festplatte und Speicherchips. Entwickelt und gebaut wurde es in Salzwedel im Norden Sachsen-Anhalts.

Manfred Hoffrichter hat viele Jahre getüftelt, um der Königin der Instrumente mit viel Elektronik neue Aufgaben zuzuweisen. Von Anfang an setze er auf die "perfekte Illusion" ohne Blasebalg und eine Vielzahl Pfeifen. Eine Sache, die wie ein Sakrileg erscheint, beweist dabei ihre Berechtigung. Minutiös richtete sich der Orgelbauer und Tischlermeister ein digitales Archiv mit der ganzen Klangfülle des gewaltigen Instruments ein. Ton für Ton wurde mit dem Mikrophon in einer von ihm eigens dafür entwickelten Technik einzeln aufgenommen. Der Mann aus der Altmark "belauschte" unterschiedliche Orgeln, auch solche aus den Werkstätten von Silbermann oder Schuke. "Tausende Klänge konnte ich so mit in meine Werkstatt nehmen", berichtet er mit einem zufriedenen Lächeln.

Bis heute kommt dessen Verfahren in puncto Klang "dicht an die traditionellen Orgeln". Selbst geübte Ohren können den Unterschied kaum wahrnehmen. Zum Beweis führt Hoffrichter von Zeit zu Zeit potentielle Kunden in die mittelalterliche Salzwedler Mönchskirche. In dem seit einigen Jahren als Veranstaltungs- und Konzerthalle genutzte Sakralbau steht eine Orgel aus seiner Werkstatt.

Hoffrichter gibt sich stets selbstbewusst wenn es um seine Instrumente geht. Spricht der Mann über seien Berufung, dann ist er kaum zu halten, Fotos werden präsentiert, fachliche Details erläutert. Da ist die Rede von gestandenen Kirchenmusikern, die mit Skepsis in seine Werkstatt kommen. Einer gestand ein, dass für ihn solche Elektronik in der eigenen Kirche nichts zu suchen habe. Jedoch würde ihm eine gebrauchte Truhenorgel im Verkaufsraum  gefallen. Nach einem Vorspiel war er vollends von ihr überzeugt. Eben, kein Vergleich mit dem anderen modernen "Zeugs". Bei Hoffrichter zauberte die Aussage augenblicklich ein Lächeln ins Gesicht. Der strenge  Kritiker war auf den "Computersound" hereingefallen.

An dem feilt der Orgelbauer mit unbändiger Geduld. Nebengeräusche stören bei der Aufnahme selten, sichern sie doch ein Höchstmaß an Detailtreue. Das Unternehmen mit zehn Mitarbeitern hat quasi eine eigene Abteilung für Forschung und Entwicklung. So etwas findet man in ganz Deutschland wohl eher selten. Die Kirchenorgeln aller Größen einschließlich der Holzarbeiten entstehen in der eigenen Werkstatt. Das Tüfteln trägt Früchte. Die elektronischen Instrumente aus dem Norden Sachsen-Anhalts stehen längst Kirchen und Gemeinderäumen rund um den Globus, in Italien, Japan, Großbritannien. Gerade erst wurde eines auf die Reise nach Paris geschickt. Eines der großen Exemplare brachte es auf 92 Register und 62 Tasten, summa summarum sind das fast 6.000 Töne. Selbst der 29-jährige Orgelspieler Cameron Carpenter aus den USA, der ganze Konzertsäle mit seinem ungewöhnlichen Talent begeistert, bestellt schon in Salzwedel.

Dann und wann werden Orgeln in Kirchen regelrecht "aufgerüstet". Zusätzliche Register erweitern in solchen Fall das Leistungsspektrum des alten Instruments oder ersetzen defekte Teile. Ganz neu im Sortiment ist eine tragbare Mini-Orgel. Sie kann beispielsweise vom Pfarrer mit in Gemeinderäume genommen werden, um den fehlenden Musiker "zu ersetzen". Ihr Geheimnis sind bis zu 999 gespeicherte Titel aus dem Gesangbuch. Ein Musiker kann selbst Lieder einspielen. In der erweiterten Form steuert dieses Gerät sogar eine normale Kirchenorgel über ein spezielles Teil, das auf der Klaviatur aufgesetzt wird und sich per Funk steuern lässt.

Hoffrichter kennt sein Fach. Als Zehnjährige spielte er in Gottesdiensten. Später erfasste er die Orgeln der ganzen Region und erlernte das Handwerk des Orgelbauers. Auf "Abwege" ging es als Profi in Jazz- und Rockgruppen. Das Faible für die Elektronik war damit gelegt, denn in den Band kümmerte er sich stets um die Technik. Mit unterschiedlichen musikalischen Richtungen lässt es sich also durchaus gut leben.

Hoffrichter Orgel GmbH, Bergstrasse 13, D-29410 Salzwedel, www.hoffrichter-kirchenorgel.de

 

Von Klaus-Peter Voigt

 

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