Marcus Redl

In diesen Tagen ist die Frage nach dem Befinden des Gegenüber keine Floskel

COVID-19: Gerade hatten wir über ein mögliches gemeinsames Projekt gesprochen, das in den nächsten Monaten für „die Zeit danach“ angegangen werden könnte. Der über 80-jährige, chronisch kranke Vater verstünde nicht, dass er nicht einfach Brot einkaufen gehen kann. Sein Essen über das Fensterbrett gereicht zu bekommen, verstöre ihn. Ansonsten werde den Kindern Haus und Garten helfen, die nächste Zeit zu überdauern. Man sei viel besser dran, als Familien Mitten in der Großstadt – so mein Gesprächspartner.

In klassischen wie sozialen Medien wird das Krisenmanagement in Tiroler Skigebieten kritisiert. Es sind nicht irgendwelche Orte, sondern die Ikonen unserer, meiner Branche. Dort, wo ich und viele andere ausgebildet worden sind. Sofort gehe ich innerlich in Verteidigungshaltung. Braucht es jetzt einen Sündenbock, braucht es jemanden, dem „die Schuld“ gegeben werden kann? Man habe kurzfristiges Profitstreben über die Gesundheit gestellt.

Das ist doch längst nicht mehr der Tourismus, wie wir ihn verstehen, höchstens eine Karikatur seiner selbst!?

Noch nie haben so viel Menschen soviele Reisen unternehmen können wie heutzutage. Der Erfolg des modernen Tourismus widerspiegelt die politischen und wirtschaftlichen Fortschritte in der Welt. Auf der anderen Seite stranden auch in diesen Tagen Flüchtlinge an griechischen Ferieninseln. Ganze Landstriche verlieren ihren Wald an Borkenkäfer und Windbruch. Und dann stoppt eine Pandemie nicht nur den Tourismus, sondern gleich das Leben wie wir es seit Jahrzehnten gewohnt waren. Wie sowohl hoch entwickelt und global vernetzt als auch verwundbar unsere Gesellschaften doch sind.

Manchmal ertappe ich mich dabei, mehr an das zu denken, was jetzt alles schief gehen könnte, als an das, was zu tun ist. Da fehlt mir noch die Langmut, die der Duden wie folgt definiert: durch ruhiges, beherrschtes, nachsichtiges Ertragen oder Abwarten von etwas gekennzeichnete Verhaltensweise; große Geduld. Wir werden viel Langmut benötigen, um (auch) die Tourismus- und Freizeitwirtschaft wieder aufzubauen. Es wird nicht von heute auf morgen gehen. Aber wir werden der Essenz des Reisens und Urlaubens, dem tieferen Sinn, dem Nutzen, den wir stiften, auf den Grund gehen. Und mit unserem Tun einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Resilienz leisten.

Ein Kommentar von Marcus Redl.

Mag. Markus Redl (geboren 1974) leitet die Niederösterreichische Bergbahnen – Beteiligungsgesellschaft m.b.h. sowie ein Programm zur Tourismusentwicklung von neun Bergerlebniszentren im alpinen Süden Niederösterreichs. Zuvor Tätigkeiten als Skilehrerausbilder, Organisator der Winteruniversiade Innsbruck/Seefeld 2005, Leiter der Bewerbung um die Olympischen Jugendspiele in Innsbruck 2012, Lehrbeauftragter für Sportmanagement und Sporttourismus. Diplomstudium Sportwissenschaften an der Universität Wien, Master in Public Administration (Harvard) als Fulbright-Stipendiat.

www.tourismuspresse.at - https://www.tp-blog.at/allgemeines/langmut

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Franz Hartl schreibt:

Ich fürchte, dass das richtig ist. Das Jahr 2020 wird sich in einer langfristigen Statistik in einigen Jahren als sichtbarer Ausreißer darstellen. Aber es geht nicht nur um Brüche in der Statistik, es geht darum wie wir möglichst rasch wieder einen funktionierenden Tourismus bewerkstelligen können. Diese Krise beeinträchtigt nicht in erster Linie die Wirtschaft und damit auch den Tourismus. Diese Krise macht alles obsolet, was den Tourismus ausmacht: Reisen, Menschen treffen, ferne Länder, Gesellschaften, Meetings – genau diese Bereiche stehen ganz oben auf der Verbotsliste. Da wird es wohl eine Zeit dauern, bis wieder die gewohnte Normalität eingekehrt ist.

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