Berlin

Erzeugt von Straßenmusikern, Marktschreiern, etwas poppig oder klassisch, vom Klappern der Imbissstände, bereichert von Frauengesprächen: Winterfeldmarkt Berlin Schöneberg!

Nachrichten und Meinungen: Märkte sind Orte der Düfte, Aromen, aber auch der Gerüche von Obst und Gemüse. Dazwischen sinnvoll abwechslungsreich platziert die Stände für den Haushalt, Plätzchenformen, Silberputzmittel, Hüte, Gürtel, Bilderrahmen und vieles mehr. Alles im friedlichen Wettstreit um die Kunden, gut geordnet und sortiert von der Marktmeisterin. Menschen mit ihren Waren aus aller Welt im friedlichen Wettbewerb zum Verkaufen an Menschen aus Stadt und Land. Eben ein Wochenmarkt. Ein Wochenmarkt bedeutet auch Marktrecht, ein Recht aus dem frühen Mittelalter. Märkte sind Nachrichtenbörsen und Meinungsmacher.

Aber wer sind die Markthändlerinnen und Händler? Haben diese Menschen eine eigene Sprache? Wo kommen sie her? Wie sind die Geschichten, die diese Marktmenschen zu erzählen haben? Hören wir ihnen zu. Schreiben wir diese Geschichten auf.

Gudrun Schaubs by Udo Lauer ReiseTravel.eu

Gudrun Schaubs ist Marktmeisterin und hatte Geburtstag. Wir trafen uns mit ihr auf dem Winterfeldtmarkt, zum Gespräch und zum Gratulieren direkt am Käsestand Ihres Mannes Burkhard Schaubs. Sie begrüßte eine kleine Frauengruppe, die am Stehtisch nebenan mit Champus und Käse fröhlich feierte, ein Frauengeburtstag. Nach der Pflicht gesellte sich dann zu uns, zum Gespräch.
Geschichte: Gudrun Schaubs ist eine „Echte Berliner Pflanze“. Sie kam 1954 in Berlin-Buch zur Welt. Ihre Eltern verpflanzten sie, als sie vier Jahre alt war, nach Weißensee. Sie hatte einen Bruder, der schon 1986 starb. Ihr Vater Feuerwehrmann im Dienste der Stadt Berlin. Ihre Mutter arbeitete als Verkäuferin in einem Lebensmittelgeschäft. Die Marktmeisterin besuchte die 10-stufige Polytechnische Oberschule in Weißensee und begann 1971 eine Ausbildung als technische Zeichnerin. Die Ausbildung hatte sie sich gewünscht, doch in der ersten Stelle, die sie bekam, durfte sie nur Rohrleitungen zeichnen - sicher eine wichtige Aufgabe, aber sie entsprach überhaupt nicht den Vorstellungen eines interessanten Berufes für Gudrun.

1975 wechselte sie daher zur Polizei. Abteilung Pass- und Meldewesen stand an der Tür. Hier hatte sie viele Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen und natürlich erst recht zu "Kunden". Das gefiel ihr sehr gut, weil sie mit den Menschen sehr gut auskam.

Sie war jung, lebensfroh und auch Mode bewusst. Sie hatte einen Jeansanzug gefunden und gekauft, der im Bruderland Ungarn hergestellt worden war. Sie zog ihn auch zur Arbeit an. Einem Besucher des Passamtes fiel das auf, und es gefiel ihm auch. Er erzählte davon an anderer Stelle im Amt, wo es dann sofort hieß, dass das aber gar nicht gehe, wenn sie in einem amerikanischen Outfit ins Büro käme. Als sie dann bei der Polizei fest angestellt wurde, bekam sie eine Uniform und die freie Kleidungswahl war nur noch privat. Sie hat den Jeansanzug ganz oft zu ihren abendlichen Treffen mit Freunden angezogen.

1975 heiratete sie den Ingenieur Burkhard Schaubs. Die Beiden haben zwei Adoptivkinder, Jaqueline, geboren 1976, und Gunnar, geboren 1977. So war die Familie in kurzer Zeit schon komplett. Burkhard war sehr viel auf Montage.

1979 verließ Gudrun die Polizei, blieb aber im Öffentlichen Dienst. Sie wechselte in den Stadtbezirk Prenzlauer Berg und wurde im Bauamt in Marzahn eingesetzt. Hier kam ihr die Ausbildung als technische Zeichnerin zugute, denn sie konnte die eingereichten Zeichnungen lesen. Die Arbeit im Bauamt hat ihr sehr viel Spaß gemacht.

1989 kam für sie die Wende mit der Wende. Wie alle Kolleginnen und Kollegen in den städtischen Büros wurde auch sie auf Verbindungen zur „Stasi“ überprüft. Das Ergebnis war negativ und sie blieb im Stadtbezirk Prenzlauer Berg und wurde in einem Sekretariat eingesetzt.

1990 begann dann ihre "Marktkarriere". Unter einer guten Chefin, wie sie sagt, beaufsichtigte sie den Markt in Marzahn. Der fand anfangs von Montag bis Samstag statt, immer von 8:00 h bis 18:00 h. Das war notwendig, weil es in Marzahn für die vielen Menschen, die dort lebten, kaum Geschäfte gab, in denen sie die notwendigen Dinge des Lebens kaufen konnten. Die Aufsicht wurde in Schichten eingeteilt, weil die Arbeit sonst nicht zu leisten war. Gudrun erzählt immer noch begeistert von dem guten Arbeitsklima, das die Chefin für alle schuf. Als dann die großen Ketten und Supermärkte anfingen, überall in Ost-Berlin – übrigens ein sehr negatives Wort, Geschäfte zu eröffnen, wurde der große Markt in Marzahn komplett aufgelöst. Die Chefin machte sich selbstständig und bot Gudrun an mitzukommen. Gudrun lehnte ab. Die Selbstständigkeit war ihr zu dem Zeitpunkt, das war Anfang des neuen Jahrtausends, zu unsicher.

Sie blieb im Bezirksamt Marzahn, als Mädchen für alles, wie sie sagt, und als Marktmeisterin mit der Verantwortung dort für zwei Märkte. Neun Monate später nahm sie an einem Marktmeistertreffen teil. Dort erfuhr sie, dass für den Bezirk Schöneberg ein Marktmeister gesucht wurde. Die Kollegen auf dem Treffen meinten, sie sei dafür doch bestens geeignet und solle sich dort bewerben. Sie tat es schließlich, mit der Betonung auf Marktmeisterin, auch wenn die Kolleginnen in Marzahn einwandten, dass Schöneberg doch das Schwulen- und Lesbenviertel sei und sie sich dort doch unmöglich wohlfühlen könnte.

Auf ihre Bewerbung meldete sich eine Frau aus dem Bezirksamt Schöneberg und stellte gleich am Telefon noch ein paar Fragen. Sie meinte, der Bezirk sei ja etwas anders als der Marzahner Bezirk, und was sie, Gudrun, denn tun würde, wenn sich ein Mann mit Turban z. B. an sie wenden würde? "Kein Problem," schoss es aus Gudruns Mund heraus, "solange ich kein Kopftuch tragen muss!". Die Frau aus dem Bezirksamt legte auf. Gudrun fragte sich, was sie wohl falsch gemacht habe, aber da klingelte das Telefon schon wieder und die Frau war wieder dran. Sie sagte, sie habe aufgelegt, weil sie so lachen musste über diese Antwort.

Nach der Pflicht die Kür

Seit Dezember 2003 ist Gudrun Marktmeisterin in Schöneberg. Sie organisiert, setzt die Marktleute an dieser oder jener Stelle ein, sie lehnt auch neue Anfragen ab, wenn dadurch das Gleichgewicht des Angebots gestört werden könnte. Sie liebt diese Arbeit sehr. Sie kommt sehr gut zurecht mit den Marktleuten und den Kunden, ob jung oder alt, ob männlich oder weiblich, ob schwul und lesbisch oder hetero. Sie vergibt nicht nur Standplätze, sondern auch manchen „Guten Rat und „Lebenshilfe“!

Ende 2005 fragte sie der Besitzer des Käsestandes, ob sie ihm behilflich sein könne bei der Suche nach einem Nachfolger für seinen Käsestand. Letzten Endes übernahm ihr Mann den Käsestand und ist somit seit 2007 als Markthändler mit auf dem Winterfeldtmarkt. Immer in ihrer Nähe. Teilweise wird er unterstützt von seinen Kindern, aber er hat auch andere Hilfe beim Verkauf des reichhaltigen Käseangebots und der heißen Raclette-Schnitten.

Hier kann der Kunde wählen, nur Käse und Gewürze oder mit Tomate, Schinken oder alles zusammen.

Ein altes Sprichwort besagt: „Frau sollte aufhören, wenn es am schönsten ist“.

Gudrun hat sich jetzt entschieden, in Rente zu gehen, zum Jahresende, aus der vollen Arbeitszeit heraus. Sicher wird sie sehr vermisst werden, von den Marktleuten und auch von den vielen Marktbesuchern. „Einmal Markt – immer Wochenmarkt“! Sie will öfter mal am Samstag am Käsestand mithelfen und auch mit ihrem Mann weiterhin auf Weinfesten ihren Käse anbieten. "Ich werde immer noch viel zu tun haben", meint sie. "Langweilig wird das Leben ganz sicher nicht."

Der Winterfeldmarkt in Berlin Schöneberg, U-Bahnhof Nollendorfplatz, ist am Mittwoch sowie am Samstag von 7 Uhr bis ca.16 Uhr geöffnet.

Ein Beitrag mit Foto für ReiseTravel von Udo Lauer, Merlin-Presse-Berlin
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