Berlin

Buchautor Dr. Michael Ludwig Müller zur Autorenlesung im Bürgerbüro von Tim Zeelen

Parlamentarier Tim Zeelen, Berliner Abgeordnetenhaus, lud in sein Bürgerbüro zu einer Autorenlesung: Der 1933 geborene Journalist und Buchautor Dr. Michael Ludwig Müller war zu Gast und berichtete aus seinem beruflichen Leben. Den Schwerpunkt seiner Ausführungen legte Müller auf die Zeit der Westberliner Studentenunruhen 1967/1968, darüber hat er ein Buch verfasst. Ein weiteres Buch beschäftigt sich mit der DDR und der SED.

Der in Bayern geborene Michael Ludwig Müller fing einst bei den „Nürnberger Nachrichten“ als Praktikant an und wechselte als Volontär zur „Süddeutschen Zeitung“. 1962 begann er seine journalistische Tätigkeit im Hause Springer. Ein Jahr zuvor hatte der Journalist an der FU Berlin promoviert, seine Doktorarbeit befasste sich mit dem Einfluss der Presse auf die Bundestagswahl 1957.

Als Redakteur der „Berliner Morgenpost“ war er für die Hochschulpolitik zuständig, somit ergab es sich beinahe automatisch, dass er bei den Studentenversammlungen hautnah an Rudi Dutschke und andere Studentenführer herangehen konnte, obwohl die Studentenschaft einen Pressevertreter aus dem für sie so verhassten Springer Konzern nicht gerade mit offenen Armen empfingen.

Müller gab eine Begebenheit aus der Zeit des Hungerstreiks von Studenten in einer evangelischen Kirche in Westberlin zum Besten: Hungerstreikende Studenten wollten eine Pressekonferenz in der Kirche abhalten. Studentenführer Rudi Dutschke als Moderator teilte die Anwesenheit eines „gewissen Müller von Springer“ mit, schon ertönten „Buh“ Rufe und „Raus, Raus!“

Studentenführer Dutschke schlug vor, darüber abstimmen zu lassen, ob Müller bleiben dürfe. In diesem Moment erhob sich der anwesende Kirchenjurist der Evangelischen Kirche Westberlins und betonte: Im Hause Gottes, wo die Evangelische Kirche den Studenten erlaubt habe, zu nächtigen während des Hungerstreiks, sei jeder willkommen. Er als Christ und Jurist könne solche Abstimmungen nicht dulden und würde dann unbarmherzig sein müssen und alle aus der Kirche weisen, er werde gnadenlos von seinem Hausrecht Gebrauch machen. Es gab keine Abstimmung und enttäuscht sagten die Studenten diese Pressekonferenz ab. Mit einer wie sie es ausdrückten „Solidarität zwischen Kirche und Springer“, hatten sie nicht gerechnet.

Einen Schwerpunkt in den Ausführungen setzte der Schriftsteller in die kurze Amtszeit des Regierenden Berliner Bürgermeisters Pfarrer Heinrich Albertz, der 1915 zur Welt kam und von 1966 bis 1967 die Geschickte Westberlins leitete, der Politiker ist 1993 verstorben.

„In Berlin ging es damals in allen Bereichen hoch her, das ging von der Gründung der legendären Kommune 1 bis hin zu Streiks an den Universitäten“. Heute weiß kaum noch jemand, dass die Professoren an den Universitäten „von ganz oben die Anweisung bekamen, den streikenden Studenten ja keine Hörsäle bereitzustellen für Vollversammlungen. Auch hatte man einigen Studenten angedroht, sie zu exmatrikulieren.“

Michael Ludwig Müller teilte den Zuhörern auch mit, so manche falsche Entscheidung der damals politisch Verantwortlichen habe der streikenden Studentenschaft regelrechte Steilvorlagen geliefert. Dazu zähle er persönlich „auch den unsäglichen Vietnam Krieg, mit dem Kriegsausbruch und der Teilnahme der USA hatte man den Studenten im damaligen Westteil der Stadt regelrecht einen Gefallen getan, sie konnten nun unter Beweis stellen, wie richtig ihre Aktionen auch waren.“

Klare Worte auch zu so manchem damaligen hohen Polizeioffizier im Westteil der Stadt. Da „war noch der ein oder andere Ritterkreuzträger in Polizeiuniform und wollte eben mal so wieder Ruhe und Ordnung herstellen lassen, koste es, was es wolle.“ Er habe oft mit Entsetzen ansehen müssen, mit welcher Brutalität damals auf Studenten völlig unverhältnismäßig eingeprügelt worden ist; in ersten Stellungnahmen lobten einige Politiker sogar das harte Vorgehen der Polizei.

Heinrich Albertz habe das auch getan am Anfang bei den Studentenunruhen. Ein Sinneswandel kam erst Anfang Juni 1967 zustande. In Charlottenburg erschoss der Polizist Karl–Heinz Kurras am 2. Juni 1967 den 1940 geborenen Benno Ohnesorg, viel später stellte sich heraus, der Polizeibeamte war Mitarbeiter der Stasi.

Michael Ludwig Müller war der erste Journalist, der den Namen des toten Studenten herausbekam und Details an die Redaktion mitteilte, damals noch von einem Münzfernsprecher. Am 3. Juni 1967 druckte nur die Morgenpost den Namen des erschossenen Benno Ohnesorg, andere Medien sprachen von einem Studenten. Die Polizeiführung hatte nach den Todesschüssen angeordnet, dass die Presse keine detaillierten Informationen über diese schreckliche Tat erhalten sollte. Der Morgenpost Redakteur befand sich in einem Raum an der Deutschen Oper, wo der Schah von Persien zu Besuch weilte. Gegen dessen Auftreten sich viele Studenten, so auch Benno Ohnesorg, erhoben hatten. In dem Raum hielt sich auch ein SPD Politiker aus dem Abgeordnetenhaus auf, dem Parlamentarier verheimlichten die Polizeibeamten nichts, so gelangten über den Volksvertreter die Informationen an den Journalisten.

Tim Zeelen nahm diese geschichtlichen Episoden eines früheren Parlamentskollegen, die sich ereignet hatte, als der 1983 geborene Unionspolitiker noch gar nicht auf der Welt war, mit großem Schmunzeln zur Kenntnis. Seine Einladung zu „Tegel liest“ kam sehr gut an, der Parlamentarier sagte: „Die Wände des Bürgerbüros werden demnächst von Künstlern gestaltet, ich möchte dieses Bürgerbüro auch immer für kulturelle Veranstaltungen zur Verfügung stellen, dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um hauptberufliche Künstler oder Hobbykünstler handelt.“

Bürgerbüro Brunowstraße 51, D-Berlin Tegel, www.tim-zeelen.de

ReiseTravel Fact: Im beschaulichen und bürgerlichen Tegel stellt ein 31 Jahre junger Abgeordneter sein Bürgerbüro für Kunstaktionen und kulturelle Veranstaltungen zur Verfügung, zahlreiche Kunstschaffende werden dieses für sie kostenlose Angebote gerne Aufgreifen. Bleibt zu hoffen, dass viele Bürgerbüros der Berliner Abgeordneten auch so verfahren wie es in Tegel der Fall ist; immerhin sind aktuell 149 Volksvertreter im Preußischen Landtag tätig.

Ein Beitrag für ReiseTravel von Volker-T. Neef.  

Volker T. Neef ReiseTravelUnser Autor berichtet aus der Bundeshauptstadt und ist in Berlin wohnhaft.

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