Berlin

Im Berlinale Film „Selma“ geht es um Rassentrennung in den USA, immer noch aktuell

Martin Luther King fast an seiner alten Wirkungsstätte: Schauspieler, Regisseure, Kameraleute, Drehbuchautoren, Filmkomponisten, Tontechniker, Kostümbildner und Filmstudenten aus allen Erdteilen streichen sich jedes Jahr einen Termin in Berlin im Februar immer ganz dick in ihrem Terminkalender an. Es ist das internationale Filmfestival, die Berlinale. Seit 1951 werden Goldene und Silberne Bären vergeben. Auf der diesjährigen 65. Berlinale lief im Programm Special der US-Spielfilm Selma. Im FriedrichstadtPalast fand erstmals die deutsche Aufführung über das Leben des farbigen Bürgerrechtlers und Friedensnobelpreisträger Dr. Martin Luther King statt. Das Schicksal führte hier hinter den Berlinale-Kulissen Regie. Wenige hundert Meter vom FriedrichstadtPalast befindet sich ein Hotel in der Albrechtstraße. Dort erinnert eine am Gebäude befestigte Gedenktafel daran, dass der US-Menschenrechtsaktivist und Pfarrer bei einem Besuch in der DDR dort übernachtet hatte.

Die Regisseurin Ava DuVernay drehte das 128-Minuten Werk. Produzenten sind unter anderem die Moderatorin Oprah Winfrey und der Schauspieler Brad Pitt. Oprah Winfrey hat in diesem 2014 gedrehten Film die Rolle der Annie Lee Cooper übernommen. David Oyelowo stellt Martin Luther King dar, Tom Wilkinson den US-Präsidenten Lyndon B. Johnson, Tim Roth den Gouverneur von Alabama George Wallace und der US-Rapper Common den farbigen Aktivisten James Bevel. Colman Domingo spielt ebenfalls einen Aktivisten.

In Anwesenheit des US-Botschafters und der Regisseurin sowie von Hauptdarsteller David Oyelowo und des Darstellers Colman Domingo fand die Aufführung in Berlin statt. Das Werk behandelt die Geschichte der USA in der Zeit Mitte 1960. Zahlreiche US-Soldaten mit schwarzer Hautfarbe hatten in Europa knapp 20 Jahre zuvor ihr Leben verloren, um Deutschland vom Faschismus zu befreien und demokratische Verhältnisse zu installieren. Im Vietnamkrieg knapp zwanzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges sollten ebenfalls demokratische Verhältnisse erkämpft werden. Auch in diesem Krieg verloren zahlreiche farbige US-Soldaten ihr Leben.

Der Bürgerrechtler Pfarrer Martin Luther King klagt an: „Während unsere Soldaten in alle Welt verschickt werden im Namen der Demokratie herrschen in den USA selbst keine demokratischen Verhältnisse.“ Seine Leute werden „behandelt wie Feinde im Krieg.“ Das Paradebeispiel für ihn ist das kleine Kaff Selma im US-Bundesstaat Alabama. Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung sind Schwarze, davon dürfen aber gerade einmal 2 Prozent zur Wahl gehen. Das Problem ist das Wahlgesetz in den USA. In Listen kann nur eingetragen werden, wer einen wahlberechtigten Bürgen stellen kann und vor einem Beamten einen Test besteht. Eine Szene im Film zeigt, wie die rassistischen Beamten gerade in Alabama die Überprüfung vornehmen. Eine farbige Bürgerin kann vor einem Kontrolleur den Artikel 1 der US-Verfassung aufsagen. Die Frage nach der Anzahl der Richter in Alabama, nämlich 67, kann die Dame auch noch korrekt beantworten. Dann verlangt der Wahlbeamte, sie möge alle Namen der 67 Richter aufzählen. Wohlgemerkt, das ist keine Satire, diese Vorgänge waren damals in dem großen Land der westlichen Demokratie, den Vereinigten Staaten von Amerika, Realität.

Um es den farbigen Menschen zu ermöglichen, an Wahlen teilzunehmen, plant Martin Luther King in Selma persönlich mit seinen Anhängern das Wahllokal zum Zwecke der Registrierung aufzusuchen. Der rassistische Sheriff Clark postiert seine Männer um das Gebäude herum. Zynisch teilt er mit: „Kein Zutritt für Nigger.“ Die Farbigen haben auf ihre Fahnen geschrieben, all ihre Aktionen sollen gewaltfrei verlaufen. Sie setzen sich auf den Bürgersteig. Der Sheriff stürmt mit seinen Leuten den Bürgersteig und drischt mit großer Brutalität auf die Menschen ein. Eine alte Frau (Oprah Winfrey) will ihren körperbehinderten Gatten vor den Gummiknüppeln der Beamten schützen und hält ihre Hände über den alten Herrn. Der Ordnungshüter gibt darauf hin den Befehl aus: „Schlagt das Niggerweib zusammen und bringt sie wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt ins Gefängnis.“ Kurz darauf soll ein Protestmarsch von Selma in die Hauptstadt Alabamas, Montgomery führen. Dieser Marsch wird auch niedergeknüppelt. Der Gouverneur George Wallace, der bei einem Besuch im Weißen Haus dem US-Präsidenten mitteilt, „Nigger sind grundsätzlich faul“ möchte kurz vor den Wahlen keine weitere Eskalation. Gerne kann man nach seiner Auffassung Farbige drangsalieren, aber der jetzige Zeitpunkt ist ungünstig. Daher bittet er einen hohen Polizeioffizier, auf den Dorfpolizisten und Rassisten Clark einzuwirken. Ernüchtert teilt dieser dem Politiker mit. „Selbst wenn Jesus und Elvis vor dem Sheriff stünden, würde er sie verprügeln, nur weil sie sich für Nigger einsetzen.“ Martin Luther King will nochmals von Selma nach Montgomery marschieren. Zur Hilfe kommen ihm die Medien. Fernsehkanäle haben in alle Welt direkt aus Selma berichtet und die Brutalität der Polizei und deren Helfer gezeigt. Hinzukommt, die Namen und Anschriften von farbigen US-Bürgern, die sich ins Wahlregister eintragen lassen wollen oder bei Protestmärschen mitmarschierten werden in kleinen Amtsblättern und Dorfzeitungen veröffentlicht. So können Anhänger des Ku-Klux-Klan diese Leute schnell ausfindig machen und „bestrafen.“

Bei diesen Strafaktionen kommt es zu Toten. Kein einziger Mörder eines farbigen Bürgers in Alabama wurde jemals vor ein Gericht gestellt. Angeblich konnte nie ein Täter ermittelt werden. US-Präsident Johnson kann dem Druck aus aller Welt nur noch nachgeben und verabschiedet ein Gesetz, dass gleiche Wahlen für alle Amerikaner garantiert. Der zweite Marsch nach Montgomery wird für Martin Luther King und seine Anhänger zum Erfolg. Das liegt auch daran begründet, die US-Armee stellt Soldaten ab und US-Soldaten schützen Bürgerrechtler vor der Polizei des Staates Alabama.

Prominente wie Harry Belafonte und Sammy Davis junior folgten Martin Luther King bei diesem Marsch. Die Regisseurin Ava DuVernay zeigt dem Zuschauer nicht nur einen unverzagten Helden Martin Luther King. Es werden auch private Eheprobleme des Herrn Pfarrers zur Sprache gebracht, der auch die ein oder andere Freundin gehabt haben soll. Das FBI unter seinem Leiter J. Edgar Hoover hatte Hotelzimmer, Wohnungen und Telefone verwanzen lassen. Mit dem gesammelten Material sollte der Bürgerrechtler erpresst werden, was aber schief lief. Die Ehefrau verzieh dem Gatten die Fehltritte. Dies kommt auch in Selma zum Ausdruck und zeigt in diesem Werk einen menschlichen Martin Luther King, keinen abgehobenen Heiligen.

Der Bürgerrechtler wurde 1968 von einem Rassisten ermordet. Herausragende Schauspieler sind in diesem Streifen zu bewundern. Der britische Darsteller Tim Roth spielt den Gouverneur introvertiert und mürrisch. Das zeigt sich bei der Szene bei seinem Besuch in Washington. Durch seine Art verliert der US-Präsident die Fassung und brüllt ihn an: „Wollen Sie den Präsidenten der Vereinigten Staaten verarschen?“ Natürlich antwortete er so überzeugend mit „Keineswegs, Mister Präsident“, das jeder Zuschauer an der Mimik des Schauspielers die wahre Antwort ablesen konnte. www.berlinale.de

ReiseTravel Fact: Der Film Selma stellt die Südstaaten der USA um 1960 dar, Rassenhass steht an der Tagesordnung. Jurys an Gerichten sind nur von Weißen besetzt. Schlug ein Polizist einen Farbigen Tod, konnte der Beamte gewiss sein, die weißen Geschworenen glauben seine Geschichte von der Notwehr. Das Thema Rassenhass ist aber wieder aktuell in den USA. Die Bundespolizei musste in Ferguson in Missouri 2014 eingreifen. Ein weißer Polizeibeamter hatte behauptet in Notwehr einen jungen Farbigen erschossen zu haben. Es kam zu großen Unruhen in dieser Stadt in Missouri. US-Präsident Obama, der erste Farbige im Weißen Haus, sagte denn auch: „Die Probleme in Ferguson sind Probleme für uns alle.“ Auf der Berlinale-Pressekonferenz sagte die Regisseurin: „Niemand kann die Parallelen zwischen Selma und Ferguson übersehen.“

Ein Beitrag für ReiseTravel von Volker T. Neef.  

Volker T. Neef ReiseTravel.euUnser Autor berichtet aus der Bundeshauptstadt und ist in Berlin wohnhaft.

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